Laudatio auf OSTEUROPA

25.11.2015

Laudatio auf die Zeitschrift Osteuropa

Dialogpreis 2015

Markus Meckel

Bonn, den 6.11.2015

                                                                      

Als ich mich im Vorfeld dieser Veranstaltung mit einer Kollegin über die Zeitschrift Osteuropa unterhalten habe, sagte sie mir: „OSTEUROPA ist wie eine großartige Frau: klug und geistreich, witzig und manchmal etwas scharfzüngig, dabei mit viel Herz(blut) und Sinn für das Gemeinwesen und darüber hinaus immer schön anzusehen.“

Und wie es mit großartigen Frauen so ist, sie werden geschätzt, bewundert und oft um Rat gefragt. So ist es auch mit dieser Zeitschrift, die sich weit über die Grenzen der Osteuropaforschung hinaus einen großen Leserkreis erarbeitet hat. Aufgrund ihrer inhaltlichen und geographischen Ausrichtung ist sie im gesamten deutschsprachigen Raum einzigartig.

Aber eins nach dem anderen. Die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde, 1913 in Berlin gegründet und somit vor kurzem hundert Jahre alt geworden, ist die Herausgeberin von OSTEUROPA. Die erste Ausgabe erschien 1925, 1939 musste sie eingestellt werden. Im nunmehr 65. Jahrgang liefert sie nach der Wiedergründung durch Klaus Mehnert 1949 in Stuttgart monatlich Analysen über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Zeitgeschichte in Osteuropa, Ostmitteleuropa und Südosteuropa.

Werfen wir einen Blick zurück:

Im Kalten Krieg war der Osten für viele ein Niemandsland, das im Westen Angst auslöste aber auch Neugier weckte. Moskau war das Zentrum des Ostens und alles drehte sich um die Frage: Was denkt man in Moskau, wer hat das Sagen und setzt sich durch – die sogenannte Kremlogie. Nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war, eröffnete sich eine Region, von der man im Westen kaum Vorstellungen hatte. Bis heute wird zwar viel über Polen gesprochen und es wird auch viel über Russland gesprochen, deutlich weniger Beachtung finden aber die vielen anderen Völker dieser Region. Aus der zerfallenen Sowjetunion und aus Jugoslawien sind neue Subjekte hervorgegangen, die ihre alte, aber jeweils sehr wirkmächtige Geschichte haben. Diesen Ländern wendet sich die Zeitschrift „Osteuropa“ zu. Wer hatte vor 1989 schon von Berg-Karabach gehört, von Ossetien, Abchasien oder Tschetschenien. Oder denken wir an die komplizierte Geschichte auf dem Balkan, wo wir zwar ein Jugoslawien kannten, aber wenig aus der Geschichte der verschiedenen Völker wussten. OSTEUROPA hat es vielen Lesern erst ermöglicht, sich mit Ländern zu beschäftigen, die in der deutschen Politik, Gesellschaft und Wissenschaft viel zu selten untersucht werden.

Dabei gilt: OSTEUROPA ist keine trockene fachwissenschaftliche Zeitschrift. Neben dem Transfer von Wissen in die Forschung und in die Politik, setzt sie sich insbesondere die Aufgabe, ihre Themen einer interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren. Alle Beiträge kennzeichnet eine Sprache, die präzise genug ist, um ihrem Gegenstand gerecht zu werden, und so verständlich, dass keine Sprachbarrieren entstehen. Dieser Spagat gelingt der Redaktion auf beeindruckende Weise.

Jeden Monat steht ein eigenes Thema im Mittelpunkt. 2010 gab es zum Beispiel ein Heft über den polnischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg, der auch den Roman von Frau Posmysz vertont hat. Dieses Heft enthält auch ein Interview mit Frau Zofia Posmysz.

Es entspricht dem Konstruktionsprinzip, dass die Autoren durchaus unterschiedliche Betrachtungsperspektiven einnehmen. Die Beiträge im Weinbergheft stammen von Literaten, Musikern und Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen. Sie alle wählen zur Klärung von Sachfragen eine eigene Betrachtungsperspektive, um den Leser einen Blick über den Tellerrand zu ermöglichen. An Weinbergs biographischem Beispiel wird sehr plastisch nachvollziehbar, inwieweit künstlerische Freiheit im realen Sozialismus ausgelebt werden konnte.

Die Themenhefte sind wahre Kompendien, die oftmals zu wichtigen Referenzwerken wurden und allein in der optischen Gestaltung ihrer Titelbilder kleine Kunstwerke für sich sind. Schon die Wahl der Themen zeugt von großem Gespür von Aktualität. Erinnern Sie sich etwa an den Band zum Hitler-Stalin-Pakt von 1939 zum Jubiläum 2009, der die Perspektive Polens und der baltischen Staaten auf den Zweiten Weltkrieg neu in den Blick rückte, oder 2010 an das Heft zu Samizdat, Internet und der Freiheit des Wortes – zu einer Zeit, als in Russland Medien und Zivilgesellschaft immer stärker unter Druck gerieten.

Was mir besonders wichtig erscheint, ist der immer wieder offengelegte Zugang zur Geschichte. Konflikte und Entwicklungen werden in ihren langen Linien dargestellt. Unaufgearbeitete Geschichte wird in ihrer Wirkmächtigkeit freigelegt. Ich denke etwa an den Band aus dem Jahr 2013 – Der Kommunismus in seiner Geschichte.

Im letzten Jahr entdeckte die deutsche Öffentlichkeit den Ersten Weltkrieg wieder, diskutierte aber vor allem über Kriegsschuld und den Stellungskrieg im Westen. OSTEUROPA stellte den völlig anderen Krieg im Osten dar, der nicht weniger Opfer forderte und so langfristige Folgen im 20. Jahrhundert hatte.

Ich könnte die Liste fortsetzen, halte aber inne.

Einen Wunsch aber möchte ich noch äußern: Gerade weil man diese Bände auch gern später wieder zu Rate zieht, sollte man sie Bücherregal leichter finden – und dabei würden die Titel bzw. Themen auf dem Buchrücken gedruckt sehr helfen!

Der Dialog-Preis passt ganz besonders zu unserer Zeitschrift „Osteuropa“, weil die Redaktion den Dialog mit unseren Partnerländern über die EU-Grenzen hinaus fördert. Sie berichtet nicht allein über Länder, sondern lädt zu einem Austausch mit den Menschen dieser Ländern ein. Zum internationalen Autorenstamm gehört eine Vielzahl ausgewiesener Fachleute, wobei polnische Autoren besonders stark vertreten sind. Häufig schreiben die Autoren über ihr Land, Ukrainer über die Ukraine, Ungarn über Ungarn, Osseten über Ossetien usw. Was den großen Anteil an polnischen Autoren angeht, so lässt sich feststellen, dass sie sich seit etwa einem Jahrzehnt zu allen möglichen Fragen zu Wort melden, sei es zu Politikfeldern der EU wie Sicherheit, Energie- oder Agrarpolitik, aber auch besonders natürlich zur Lage im Osten Polens etc. In dieser Beobachtung spiegelt sich auch der institutionelle Aufbau breit angelegter Expertise in Polen wider.

Ich freue mich sehr, dass die Deutsch-Polnische Gesellschaft durch die Preisvergabe an die Zeitschrift Osteuropa einmal mehr deutlich macht, dass Europas Osten und Südosten Herausforderungen für die Zukunft Europas sind, denen wir uns noch viel intensiver zuwenden müssen. Und sie sind Chancen – das sollten wir nicht vergessen!

In diesem Kontext ist das Verdienst der Zeitschrift herausragend, sei es als geistiger Brückenbauer oder auch als Impulsgeber, der wichtige politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Debatten eröffnet. Schon sehr früh, als die deutsche Außenpolitik noch ganz andere Wege ging, wurde hier auf die autoritären Entwicklungen und das noch lebendige imperiale Denken in Russland aufmerksam gemacht. Seit Jahren werden hier die komplizierten und widersprüchlichen Prozesse in der Ukraine analysiert und wir die entscheidende Bedeutung dieses Landes für Europa hervorgehoben. Über den Euromaidan in Kiew, die Annexion der Krim durch Russland sowie den Krieg in der Ostukraine findet sich hier mit das Beste, was in Deutschland dazu veröffentlicht wird. Die Zeitschrift müßte gewissermaßen Pflichtlektüre für jeden sein, der sich in der Politik mit diesen Fragen beschäftigt.

Indem sie bei aktuellen Fragestellungen und Problemen sachliche Zusammenhänge und Hintergrundanalysen liefert, tritt die Zeitschrift auch als politischer Akteur auf.

Mit ihrem weitsichtigen Blick auf politische Realitäten hat mich das Redaktionsteam immer wieder stark beeindruckt. Dazu kommt die spürbare und leidenschaftliche Bindung an die europäischen Werte, denen wir gemeinsam verpflichtet sind. Diese werden uns hier -manchmal vielleicht penetrant wirkend – als gültige Handlungsorientierung in Erinnerung gerufen.

Das entscheidende Zweiergespann im Redaktionsteam besteht aus Dr. Manfred Sapper, der seit 2002 die Leitung innehat und sich bald danach Dr. Volker Weichsel geholt hat. Sie sind es, die der Zeitschrift ihr Profil geben und die dafür sorgten, dass die Osteuropa in den vergangenen Jahren einen intellektuellen Quantensprung machte. In einer Zeit, in der das öffentliche Interesse an Osteuropa stagnierte, gelang es den beiden, die Publikation zur attraktivsten Zeitschrift im deutschsprachigen Raum zu machen. Ohne sie wäre das Thema Osteuropa nicht so stark und qualifiziert in der Öffentlichkeit vertreten.

Das Zuhause dieser großartigen Frau, von der ich eingangs sprach, sind die Berliner Redaktionsräume. Jeder, der sie schon einmal besuchen durfte, kennt die unzähligen Papierstapel, das ganz offensichtlich kreative Chaos, indem sich der Intellekt der beiden Redakteure, aber auch der weiteren Mitarbeiter, spiegelt. Manchmal weiß man nicht, so hörte ich aus dem Umfeld der Osteuropa, ob die beiden Redakteure mit dieser großartigen Frau oder sogar miteinander verheiratet sind. Zumindest verbringen sie einen großen Teil ihrer Lebenszeit zusammen mit dieser außergewöhnlichen Zeitschrift. Es ist offenbar keine Lebensabschnittsgemeinschaft, sondern für beide eine Passion, die sie zum Wohle der Osteuropa-Community seit vielen Jahren pflegen. Für ihre inspirierende Arbeit, ihre intellektuelle Spritzigkeit und ihr unermüdliches Engagement möchte ich beiden – Manfred Sapper und Volker Weichsel - und dem ganzen Team aus vollem Herzen danken.

Ich gratuliere Ihnen zum mehr als verdienten Preis und wünsche Ihnen - und mir! - dass Sie noch lange Zeit den Austausch in Deutschland und den Dialog mit unseren Partnerländern bereichern.

Vielen Dank!

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